Es sollte ein rührender, emotionaler Moment sein. Eine Mutter hatte ihren Sohn den ganzen Tag nicht gesehen und erwartete ihn mit offenen Armen an der Tür. Sobald er eintrat, stürzte sie sich voller Liebe auf ihn und umarmte ihn so fest, wie man es sich nur vorstellen kann.
Zuerst lachte er.
„Mama… okay… das reicht…“, versuchte er zu sagen, doch sie drückte ihn nur fester. Für sie war es ein normales Zeichen der Zuneigung. Für ihn wurde es schnell zum Überlebenskampf. Sein Rucksack saß noch auf seinem Rücken, seine Jacke war halb offen, und seine Rippen begannen, seltsame Geräusche von sich zu geben.
Dann geschah etwas Unerwartetes.
Sein Magen gab ein lautes, dramatisches Geräusch von sich. Nicht nur ein leises Grollen – es klang wie ein Gewitter in einer Waschmaschine. Beide erstarrten. Die Mutter lockerte langsam ihren Griff und sah ihn besorgt an.
„Geht es dir gut?“, fragte sie.
Er antwortete nicht.
Stattdessen weiteten sich seine Augen. Er ließ seinen Rucksack fallen, umfasste seinen Bauch wie ein Filmheld, der gerade angeschossen worden war, und rannte plötzlich den Flur entlang. Die Geschwindigkeit war unglaublich – selbst Profisportler wären beeindruckt gewesen.
Eine Sekunde später knallte die Badezimmertür zu.
Im Wohnzimmer stand die Mutter wie versteinert da. Hinter der Tür hallten geheimnisvolle Geräusche wider – dramatische Seufzer, fließendes Wasser und etwas, das klang, als würde jemand mit dem Schicksal verhandeln.
Nach einigen langen Minuten kam er endlich heraus. Blass… aber siegreich.
Sie sahen sich an. Dann brachen beide in schallendes Gelächter aus.
„Nun“, sagte er, „nächstes Mal… versuchen wir es vielleicht mit einer leichteren Umarmung?“

Sie nickte ernst.
„Ja. Oder zumindest vorher eine Warnung aussprechen.“
Von diesem Tag an galt in ihrer Familie eine neue Regel: Keine überschwänglichen Umarmungen direkt nach dem Abendessen. Sicherheit geht vor.
Und selbst jetzt noch, immer wenn sie ihre Arme öffnet, sucht er instinktiv nach der nächstgelegenen Toilette – nur für alle Fälle.