Sie saß still da… als ihr plötzlich die Brille vom Gesicht rutschte und zu Boden fiel.

Es war einer dieser Tage, an denen sie sich ohnehin schon etwas unwohl fühlte – müde, empfindlich, und ihre Nase machte ihr ohne ersichtlichen Grund zu schaffen. Immer wieder rückte sie ihre Brille zurecht, schob sie vorsichtig nach oben und tat so, als wäre alles in Ordnung. Doch dann passierte es.

Zuerst war es nur ein winziges Ausrutschen.
Ein leichtes Antippen .
Und bevor sie reagieren konnte, rutschte ihre Brille von ihrem Gesicht und fiel zu Boden.

Das Geräusch war nicht laut, doch in ihrem Kopf hallte es wie ein Krach wider.
Sie erstarrte.
Die Menschen um sie herum drehten sich um. Ein paar beugten sich zurück, um zu sehen, was geschehen war. Und sie spürte, wie die vertraute Panikwelle in ihr aufstieg.

Sie zwang sich zur Bewegung.
Langsam bückte sie sich und griff nach unten, um ihre Brille aufzuheben. Sie versuchte, ruhig zu atmen, versuchte, gelassen zu wirken – als wäre es nichts Besonderes, als könnte jedem mal die Brille herunterfallen. Doch in dem Moment, als sie sich vorbeugte, spürte sie es: diesen plötzlichen Druck auf ihrer Nase.

Sie blinzelte heftig.
„Nicht jetzt… bitte, nicht jetzt“, flehte sie innerlich.

Aber ihrem Körper war das egal.

Als sie ihre Brille griff und den Kopf hob, geschah das Schlimmste.
Ihre Nase verriet sie.
Sie konnte es nicht mehr zurückhalten – ein dünner, peinlicher Rotzfaden lief ihr über die Wange, bevor sie ihn hochziehen, abwischen oder verstecken konnte.

Es hing einen Augenblick lang in der Luft – viel zu lange, viel zu lange – und sie sah den Schrecken in den geweiteten Augen eines anderen.
Jemand rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her.
Eine andere Person hustete, sichtlich bemüht, nicht zu lachen oder zu reagieren.
Und sie spürte, wie sich ihre Seele von ihrem Körper löste.

Ihre Wangen brannten. Ihre Ohren klingelten.

Ihre Sicht verschwamm nicht, weil sie ihre Brille nicht trug, sondern weil die Scham zu groß war.

Sie wischte sich hastig, fast heftig, über das Gesicht und wünschte, sie könnte diesen Moment auslöschen. Sie presste die Lippen zusammen, tat so, als würde sie sich die Haare richten, tat so, als wäre alles in Ordnung – aber nichts war in Ordnung. Ihre Hände zitterten. Ihr Atem ging unregelmäßig.

Endlich schaffte sie es, sich wieder aufzusetzen und zog sich unauffällig den Ärmel über die Nase, in der Hoffnung, dass es niemand bemerken würde, obwohl sie genau wusste, dass es so war. Hinter ihr hörte sie ein leises Flüstern, dann noch eins. Sie verstand die Worte nicht, aber das war auch nicht nötig. Sie wusste es.

Sie setzte ihre Brille wieder auf und versuchte, sich dahinter wie hinter einem Schutzschild zu verstecken. Doch selbst die Brille fühlte sich jetzt anders an – als ob auch sie sich für sie schämte.

In ihrem Kopf spielte sich die Szene immer und immer wieder ab:
der Sturz, die Vorwärtsbeugung, das Abrutschen von der Nase, die Blicke.
Sie wollte verschwinden, sich auflösen, sich in Luft auflösen.

Und während sie da saß und zitterte, hatte sie nur einen Wunsch – dass alle einfach vergessen würden, was sie gerade gesehen hatten.

Aber das Schlimmste daran?
Sie wusste, dass sie es nie vergessen würde.

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