Manche Geschichten berühren einen tief im Herzen, und diese ist eine davon. 35 Jahre lang saß Raimundo Arruda Sobrinho an ein und demselben Ort in Brasilien. Für die meisten Passanten war er nur ein weiterer Obdachloser. Doch hinter der abgetragenen Kleidung und dem langen Bart verbarg sich ein Dichter, der Verse auf Papierfetzen kritzelte und davon träumte, dass seine Worte eines Tages veröffentlicht würden.

Im Frühjahr 2011 hielt eine Frau namens Shalla an, um mit Raimundo zu sprechen. Neugierig, woran er schrieb, bat sie ihn, ihr eines seiner Blätter zeigen zu dürfen. Er reichte ihr ein Gedicht – und sie war überwältigt von der Tiefe und Schönheit seiner Worte.

Entschlossen, sein Talent mit der Welt zu teilen, erstellte Shalla eine Facebook-Seite, die Raimundos Gedichten gewidmet war. Was dann geschah, war außergewöhnlich: Die Seite verbreitete sich rasant und gewann über 100.000 Follower. Plötzlich war Raimundo nicht mehr unsichtbar. Fremde kamen, um ihn kennenzulernen, seine Gedichte zu loben und ihm sogar Geschenke zu bringen.

Unter den Findern der Seite war auch Raimundos Bruder, der ihn seit Jahren nicht gesehen hatte. Bewegt von dem Gelesenen, nahm er Kontakt zu Raimundo auf und lud ihn ein, bei ihm zu wohnen. Raimundo bekam nach 35 Jahren seinen ersten Haarschnitt und ließ die Straße endlich hinter sich.

Auch heute noch schreibt er Gedichte, arbeitet an der Veröffentlichung eines Buches und ist weiterhin eng mit Shalla befreundet – der Frau, die an ihn geglaubt hat.
